Ev.-luth. Kirchenkreis Stolzenau-Loccum

 Hier erscheinen in unregelmäßigen Abständen die von den Pastorinnen und Pastoren unseres Kirchenkreises veröffentlichten Andachten in der Tageszeitung.

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Von Vikarin Dr. I. Schaede

Ist da jemand

 Ohne Ziel läufst du durch die Straßen.

Durch die Nacht, kannst mal wieder nicht schlafen.

Du stellst dir vor, dass jemand an dich denkt.

Es fühlt sich an als wärst du ganz alleine,

Auf dem Weg liegen riesengroße Steine.

Und du weißt nicht, wohin du rennst. (…)

Ist da jemand, der mein Herz versteht?

Und der mit mir bis ans Ende geht?

Ist da jemand, der noch an mich glaubt?

Ist da jemand? Ist da jemand?

 

„Ich habe einfach alles erzählt, was mir passiert ist. Ich habe den ganzen Schmerz reingepackt und die ganz großen Glücksmomente.“ Lässig steht er da mit verschränkten Armen. Das weiße T-Shirt ist leicht verrutscht. Das Gesicht ganz zugewandt, ein leises Lächeln. Hinter ihm ist sein Spiegelbild zu sehen. Und noch eines. Das eine Spiegelbild hält die Hand vors Gesicht, das andere dreht den Kopf weg. Freude und Schmerz so dicht beieinander. So ist der Sänger Adel Tawil auf seinem Album „So schön anders“ zu sehen. Das Lied „Ist da jemand“ ist gleich das zweite. Die Scheidung von seiner Frau und ein schlimmer Unfall, ein Genickbruch, der ihn fast lähmte: Erfahrungen, die Tawil in diesem Album zu verarbeiten versucht.

Und er sucht nach einer Antwort. „Wenn man nicht mehr danach sucht, kommt so Vieles von allein. (…) Da ist jemand, der dein Herz versteht und der mit dir bis ans Ende geht“ heißt es weiter im Liedtext. Mich berühren diese Liedverse vor dem Hintergrund seines Lebens. Und doch regt sich der unverbesserliche innere Skeptiker in mir, der fragt: Wie kann ich mich darauf verlassen, dass Vieles von allein kommt? Und gibt es da draußen wirklich einen Menschen, der mich versteht und akzeptiert, so wie ich bin? Und warten will ich schon gar nicht. 

Das Lied „Ist da jemand“ ist eine Frage, auf die es keine eindeutige Antwort gibt. Und eine Antwort würde noch mehr Fragen nach sich ziehen. „Wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß! Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich noch immer bei dir.“ Ein Mensch sucht im Gebet im Psalm 139 nach Antworten auf seine Fragen. Und zugleich weiß er, dass er mit seinem Nachdenken nicht fertig sein wird. Am Ende zählt für den Psalmbeter nur, dass er morgens beim Aufwachen immer noch bei Gott ist. „Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.“ Auch wenn man nicht mehr danach sucht, ist Gott dennoch da. Denn er kennt uns.

Ihre

Dr. Ina Schaede

 

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Hier können Sie noch einmal ältere Andachten nachlesen...